Mädchen und junge Frauen sind in besonderem Maße von geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung betroffen, wobei sich sowohl die Formen als auch die Kontexte von jenen unterscheiden, die bei älteren Frauen häufiger auftreten.
Typische bzw. häufiger vorkommende Formen bei Mädchen und jungen Frauen sind unter anderem:
Catcalling und sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum
Catcalling bezeichnet verbale oder nonverbale sexualisierte Belästigung im öffentlichen Raum (z. B. auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln), wie Hinterherrufen, Pfeifen, Hupen oder anzügliche Kommentare. Mädchen und junge Frauen sind von dieser Form der Belästigung besonders häufig betroffen. Es handelt sich dabei um eine Form der Machtdemonstration, die als respektlos, bedrohlich und objektivierend zu verstehen ist. Betroffene fühlen sich oft verunsichert, beschämt und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Gleichzeitig wird diese Form der Belästigung häufig bagatellisiert und als „Komplimente“ abgetan.
Cyber-Gewalt und digitale Belästigung
Mädchen und junge Frauen sind einem hohen Risiko von Cyber-Gewalt ausgesetzt. Besonders betroffen sind Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren: Studien zeigen, dass ein hoher Anteil dieser Altersgruppe bereits Erfahrungen mit Gewalt im digitalen Raum gemacht hat.
Die Formen von Cyber-Gewalt reichen von Beleidigungen und Beschimpfungen über die unerwünschte Zusendung von sexuell anzüglichen Nachrichten und Bildern bis hin zu Deepfakes, Sextortion, Cyber-Grooming der Verbreitung von Gerüchten oder Online-Stalking.
Online-Gewalt hat vielfältige Erscheinungsformen und kann neben soziale auch erhebliche psychische, emotionale und psychosomatische Auswirkungen auf die Betroffenen haben.
Soziale Machtgefälle, Grenzverletzungen und Grooming
Mädchen und junge Frauen sind in besonderem Maße von Grenzverletzungen betroffen. Dabei spielen soziale Machtgefälle – etwa gegenüber älteren Personen, Partnern oder Autoritätspersonen – eine zentrale Rolle. Insbesondere in Ausbildungssituationen, beim Berufseinstieg oder in frühen Beziehungen bestehen häufig strukturelle oder persönliche Abhängigkeiten und Hierarchien, die Grenzüberschreitungen und Übergriffe begünstigen können.
Gleichzeitig befinden sich viele Mädchen und junge Frauen noch in Entwicklungsprozessen hinsichtlich Selbstbehauptung, dem Erkennen von Gewalt sowie dem Verständnis eigener Rechte, persönlicher Grenzen und individueller Bedürfnisse. Diese Phase kann von Tätern gezielt ausgenutzt werden.
Eine Form davon ist Grooming. Bei Grooming wird schrittweise und gezielt eine sexuelle Grenzüberschreitung oder ein sexueller Missbrauch vorbereitet. Dabei wird zunächst Vertrauen aufgebaut, die betroffene Person emotional gebunden, isoliert und zur Geheimhaltung angehalten, während ihre Grenzen nach und nach überschritten werden. Eine spezifische Form des (Cyber-)Groomings stellen sogenannte „Loverboys“ dar. Dabei täuschen Täter eine Liebesbeziehung vor, um Mädchen und junge Frauen emotional abhängig zu machen und sie anschließend sexuell oder in anderer Weise auszubeuten.
Ungleiche Chancen in Ausbildung und Arbeitsmarkt
Geschlechtsspezifische Ungleichbehandlungen prägen bereits früh das Leben von Mädchen und jungen Frauen. Sie zeigen sich im Zugang zu Ausbildungsplätzen, bei der Berufswahl sowie im späteren Arbeitsalltag, wo binäre Rollenbilder unter anderem Einfluss auf Respekt im Arbeitsumfeld, die Anerkennung von Erfahrung, das Ernstnehmen von Leistungen, faire Bezahlung und Aufstiegschancen haben.
Strukturelle Diskriminierung und darauf zurückzuführende negative Erfahrungen in jungen Jahren können den Selbstwert, die Bildungs- und Erwerbsverläufe sowie die späteren Lebensentscheidungen nachhaltig prägen und wirken sich in der Folge langfristig auf berufliche Stabilität, finanzielle Absicherung und die Möglichkeiten zu einer selbstbestimmten Lebensgestaltung aus.

